Pflanzenbau

Linsenanbau fast wie bei Aschenputtel
Renaissance der Linse

Heidrun, Friedemann Zoller Linsen

Pionier des Linsenabaus - Heidrun und Friedemann Zoller haben ihre Anbaufläche inzwischen versiebenfacht und trotzdem sind die Linsen rasch ausverkauft.

Bild: BLE

Die Erfolgsgeschichte begann 2013. Der Tourismusverein Remstal-Route im Herzen von Baden-Württemberg suchte Bauernhöfe, die für Feinschmeckerrestaurants das schwäbische Nationalgericht anbauten – die Linse.

Der Geschäftsführer des Tourismusverbandes telefonierte alle Höfe des Landkreises nach dem Alphabet ab – erst bei Z wie Zoller fiel seine Idee auf fruchtbaren Boden.

Friedemann Zoller vom Biolandbetrieb Zeirenhof erklärte sich bereit, das Experiment mit der vergessenen Hülsenfrucht zu wagen, obwohl die Spitzenköche ihm nur einen Teil seiner Ernte abnehmen wollten und die Linse im Remstal seit über 50 Jahren nicht mehr angebaut worden war.

"Ich bin immer offen für Neues und mich reizen Herausforderungen", sagt er. Damals ahnte er noch nicht, auf was er sich da einlassen würde.

Pionier des Linsenabaus

Die Linse ist in der Handhabung nicht ganz einfach, sie ist sozusagen der Teenager unter den Feldfrüchten: Sie verlangt viel Geduld, Aufmerksamkeit und macht vor allem Arbeit. Dafür ist sie beim Boden anspruchslos.

Zum Wachsen braucht sie Unterstützung – einen Halm, an dem sie emporranken kann. Ansonsten fällt sie bei Regen um und verschimmelt. Als Rankhilfe arbeitete Friedemann Zoller anfangs mit Hafer, mittlerweile setzt er auf Gerste.

Bis zu einem halben Meter rankt die Linse an den Getreidehalmen empor. Und selbst das macht Probleme. Während die obersten Hülsen, die Fruchtstände, in denen jeweils zwei Linsen heranwachsen, noch grün sind, sind die untersten schon überreif und platzen auf.

"Es ist sehr schwer, den idealen Erntezeitpunkt zu bestimmen", sagt Biobauer Zoller. "Ich weiß nicht, wie oft ich im ersten Jahr auf dem Acker stand und alles beobachtet habe." Inzwischen hat er Erfahrung gesammelt und sieht die Sache gelassener.

Nach der Ernte mit dem Mähdrescher fängt die eigentliche Arbeit jedoch erst an. Die winzigen Linsen müssen rasch getrocknet und von Unmengen Steinchen, Strohteilchen, Gersten- und Unkrautsamen getrennt werden. Fast wie zu Zeiten von Aschenputtel, nur dass heute Maschinen diese mühevolle und zeitraubende Arbeit übernehmen.

Zwei Reinigungsstufen führen die Zollers selbst durch, anschließend übernimmt eine Fremdfirma drei weitere Durchgänge. Von dem, was Biobauer Friedemann Zoller auf dem Feld geerntet hat, bleiben dann gerade mal zehn Prozent übrig. Im letzten Jahr waren das rund drei Tonnen.

Friedemann Zoller Feld

Im ersten Jahr ist Friedemann Zoller häufig auf’s Feld gefahren und hat die Entwicklung beobachtet. Mittlerweile hat er Erfahrung gesammelt.

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Fast wie zu Zeiten von Aschenputtel

Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen: "Onsre Linsa" steht auf der 500-Gramm-Packung, die Zoller stolz zeigt. Darin befinden sich Le-Puy-Linsen, eine französische Sorte, die ursprünglich aus der Auvergne kommt.

Sie gilt als aromatische Delikatesse und besitzt einen leichten fein nussigen Geschmack. "Außerdem behält sie beim Kochen ihren Biss und eignet sich daher hervorragend für Linsensalate und Gemüsebeilagen", schwärmt der Biolandwirt. Und wie läuft die Vermarktung?

Friedemann Zoller schüttelt den Kopf: "Es klingt verrückt, aber das machen wir nicht. Die Linse ist ein Selbstläufer. Ständig kommen Händler zu uns und möchten unsere Linsen verkaufen." Im ersten Jahr bauten Zollers einen Hektar an, mittlerweile haben sie ihre Anbaufläche versiebenfacht und liegen bei sieben Hektar.

Trotzdem sind ihre Linsen nach wenigen Wochen ausverkauft. Die Anbaufläche erweitern? Friedemann Zoller zögert: "Erstmal nicht. Mit den Linsen ist es wie bei Mon Cheri – man muss auch mal eine Pause machen können."

Heidrun und Friedemann Zoller sind bescheiden und zufrieden mit dem, was sie erreicht haben. 1998 kauften sie den Zeirenhof, eine kleine Hofstelle mit einem alten Wohnhaus. 2001 bauten sie einen Stall für ihre 50 Angusrinder und renovierten das Haus.

Zudem bewirtschaftet die Familie das Hofgut Alfdorf – einen Pachtbetrieb in der Nähe, auf dem Friedemann Zoller die Landwirtschaft in die Wiege gelegt wurde. 2009 erfolgte die Umstellung beider Betriebe auf Bio und die Spezialisierung auf die Produktion von ökologischem Saatgut: Weizen, Roggen, Dinkel, Triticale und Hafer.

Und dann der Linsenanbau, der ihren Hof berühmt machte und mit dem die Zollers gleich bei zwei Trends den Nerv der Zeit trafen – Superfood und Regionalität. Aufgrund ihres hohen Proteingehaltes zählen Linsen zu den "Superfoods" und sind für Veganer und Vegetarier ein wichtiger Fleischersatz.

Zudem steigt das Interesse der Menschen an regionalen Produkten. Viele Vereine und Gruppen geben sich bei Zollers praktisch die Klinke in die Hand und möchten mehr erfahren über die Renaissance der Linse.

Umstellung auf Bio

"Seit der Umstellung auf Bio können meine Frau und ich unsere Vision einer nachhaltigen Landwirtschaft umsetzen", erklärt Friedemann Zoller.

Auch wenn Heidrun Zoller, selbst studierte Agraringenieurin, den Linsenanbau ihrem Mann überlässt, verwirklicht auch sie mit dem Zeirenhof einen Traum: Als ausgebildete Bauernhofpädagogin veranstaltet sie Kindergeburtstage, zeigt Schulklassen wie Tiere gefüttert und Ställe ausgemistet werden und wo ihr Essen herkommt.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung